HerStory: Flucht, Migration und Geschichtsschreibung aus weiblicher Perspektive – eine Datenvisualisierung

Oral History macht unterrepräsentierte Geschichte(n) sichtbar – dazu gehören auch die Flucht- und Migrationserfahrungen von Frauen.
Die Teilnehmenden erhalten eine kurze Einführung, die anhand von Datenvisualisierung verdeutlicht, wie Geschichtsschreibung sowie die Beschreibung von Flucht und Migration oft durch eine männliche Perspektive geprägt sind.

So galten beispielsweise Arbeitsmigration und Flucht aufgrund von staatlicher/politischer Verfolgung lange als hauptsächliche Flucht- und Migrationsursachen, die allein die traditionell “männliche Sphäre” berührten. Nicht-staatliche Verfolgung und genderspezifische Verfolgung sind dagegen erst seit 2005 in Deutschland als Asylgründe anerkannt.

Über ausgewählte Sequenzen aus Gesprächen des Archivs erschließen sich die Teilnehmenden frauenspezifische Fluchtursachen und -erfahrungen. Diese Aspekte visualisieren sie in einfacher datenjournalistischer Form; die Grafiken werden in einen Instagram-Account integriert, der im geschützten Rahmen des Workshops eigens erstellt wird.

Dauer

Kurzworkshop (1h – 3h)

Empfohlene Altersgruppe

ab 12 Jahre

Themen/Inhalte

Oral History, weibliche Perspektiven, Feminismus, Sexismus, Geschlechtsspezifische Gewalt, Geschlechtsspezifische Diskriminierung, Fluchtursachen, Globale Kontexte, Kollektives Gedächtnis, Geschichtsschreibung, Multiperspektivität

Digitale Werkzeuge und Medienpraxis

  • Datenjournalismus/Datenvisualisierung
  • Recherche, Einordnung von Quellen
  • Grafikerstellung/Instagram/Sharepic/Canva

Technische Ausstattung Teilnehmende

  • Smartphone/Tablet oder Computer (1x pro 2-4 Teilnehmende)
  • Internet

Anschlüsse zum Archiv der Flucht

Gespräche mit Zeuginnen aus dem Archiv der Flucht werden genutzt, um mehr über geschlechtsspezifische Verfolgungs-, Migrations- und Fluchterfahrungen zu lernen.


Anna Krämer und M.A., Prof. Dr. Karin Scherschel für bpb.de:
“Frauen fliehen aus zahlreichen Gründen: Sie fliehen vor politischer Verfolgung, Bürgerkriegen, Umweltkatastrophen, Armut und verschiedenen Formen von Gewalt, z.B. häuslicher Gewalt oder sexualisierter Gewalt wie “Ehrenmord”, Zwangsabtreibung, Zwangsheirat, Zwangssterilisierung und (Genital-)Verstümmelungen, Witwenverbrennungen oder Vergewaltigungen. Sexualisierte Gewalt ist ein Mittel des Krieges. Erfahrungen mit (sexualisierter) Gewalt enden auch dann nicht, wenn die Frauen ihre Heimat verlassen haben. Sie sind auch während und nach der Flucht Gefahren ausgeliefert. Fluchtwege sind riskant und im Aufnahmeland angekommen, können sie beispielsweise Opfer rassistischer Gewalt werden oder sind in Flüchtlingslagern weiteren Bedrohungen ausgesetzt. […] Fluchtgründe, die insbesondere Frauen betreffen, wurden lange nicht als solche anerkannt. Erst 2005 nahm Deutschland im Zuwanderungsgesetz genderspezifische und nichtstaatliche Verfolgung als Grund für eine Schutzgewährung auf. Allerdings stößt die praktische Umsetzung der Anerkennung auf zahlreiche Hürden. Zum einen ist ihr Nachweis schwer. Diese Form der Verfolgung berührt sehr intime Bereiche des Lebens von Menschen. Sexualisierte Gewalt spielt sich häufig innerhalb der Familie und im häuslichen Bereich ab. Zum anderen wissen Frauen häufig nicht, dass geschlechtsspezifische Gewalt als Fluchtgrund anerkannt werden kann.”

Videosequenzen

LUCÍA MURIEL

Kam als Kind in den 1950ern mit Mutter und Schwester von Kolumbien in die DDR
https://archivderflucht.hkw.de/lucia-muriel/

Sequenz 07:50 – 24:00
Erzählt von der Situation ihrer Mutter als alleinerziehende Frau in Kolumbien und der Schiffsreise nach Europa als politische Migrantin.

FATUMA MUSA AFRAH

Aus Somalia/Kenia, seit 2015 in Deutschland; engagiert sich für geflüchtete Frauen und Mädchen
https://archivderflucht.hkw.de/fatuma-musa-afrah

Sequenz 1– 17:50 – 31:00
Situation von Frauen und Mädchen in ihrer Heimat; ihr Wunsch nach Bildung und den Hürden, die ihr als Frau dabei in den Weg gelegt wurden.
–>Triggerwarnung: Spricht ab Minute 26:00 über die ihr zugefügte Genitalverstümmelung.

Sequenz 2 – 39:09 – 59:00
Erzählt von ihrer Entscheidung, Kenia zu verlassen, um als Frau freier leben zu können und ihrer Ankunft in Deutschland, wo sie sexuelle Belästigung erfuhr.

ÉVÁ ÁDÁM

Roma aus Ungarn, seit 2015 in Berlin
https://archivderflucht.hkw.de/eva-adam

Sequenz – 1:24:07 – 1:36:35
Beschreibt, wie sie die Entscheidung traf, Ungarn endgültig zu verlassen und berichtet von ihrer Arbeit als Sozialarbeiterin in Berlin mit ungarischen Roma-Frauen, die als Prostituierte arbeiten.

 

NADJA SALZMANN

Jüdin aus Russland, seit den 1990ern in Deutschland
https://archivderflucht.hkw.de/nadja-salzmann

Sequenz – 11:27 – 29:12
Erzählt von ihrem Leben als berufstätige Ehefrau und Mutter in Moskau, während dem sie den Wunsch und Plan der Auswanderung nach Deutschland entwickelte.

Bildungsorte | Präsenz + online

Die Methode kann sowohl in Präsenz als auch komplett digital durchgeführt werden.

Bildungsziele und Handlungsoptionen

Die Teilnehmenden haben verstanden, dass und wie Oral History im Gegensatz zu vielen schriftlichen/offiziellen Quellen die Geschichten von Frauen sichtbarer bzw. selbstbestimmter sichtbar macht. Sie sind vertraut mit geschlechtsspezifischen Flucht- und Migrationsursachen und -erfahrungen.

Die Teilnehmenden lernen einen quellenkritischen Umgang mit Ressourcen und Informationen. Erschließung eines multiperspektivischen und differenzierten Geschichts- und Menschenbilds.

Ausführliche Workshop- oder Modulbeschreibung

1. Einstieg / Warm up (20’)

Beginn mit “Schätzspiel”, das visualisiert

> wieviele Frauen tauchen in deutschen Geschichtsbüchern auf? (Richtige Antwort: 1-3 %)
> wieviele Biografien auf Wikipedia behandeln Frauen? (Richtige Antwort: 16 %)

Kostenloses Tool zur Erstellung interaktiver Umfragen/Infografiken:

mentimeter.com
kahoothttps://kahoot.com/business-u/ (Quiz- und Lernspiele)

Zusammenfassen/Überleiten:
Wie Frauen Geschichte mitgeprägt und sie erlebt haben, bleibt bis heute oft unsichtbar. Das gilt auch für ihre Erfahrungen mit Flucht und Migration.

Migration und Flucht sind nicht geschlechtsneutral, Männer und Frauen machen sehr unterschiedliche Erfahrungen. Das gilt auch für die spezifischen Erfahrungen von non-binären, inter- oder transsexuellen Personen.

Dies trifft auf jede Phase des Prozesses zu: Flucht- und Migrationsursachen, die Entscheidungsfindung, den Migrationsweg, also die eigentliche Reise in ein anderes Land sowie Erfahrungen nach der Ankunft.

 Frage an Teilnehmende: Welche möglichen Unterschiede fallen euch ein?

Exkurs Asylrecht :

Als “geschlechtsspezifische Verfolgung” zählen sexuelle Gewalt, Bildungsverbot, Ehrenmord, Zwangsabtreibung, Zwangsheirat, Zwangssterilisierung und Verstümmelungen (z.B. weibliche Genitalverstümmelung) sowie Diskriminierung auf Basis des Geschlechts oder der sexuellen Orientierung. Dabei handelt es sich um nicht-staatliche Verfolgung, als Fluchtgrund wird diese erst akzeptiert, wenn der Heimat-Staat keinen Schutz bietet.


–> Wir lernen jetzt einige dieser Geschichten über das Archiv der Flucht kennen!

2. Das Archiv der Flucht kennenlernen (30’ bis 60’)

Unter “Videosequenzen” findet sich eine Auswahl thematisch gekennzeichneter Gespräche bzw. entsprechend geeigneter Sequenzen.
Es bietet sich an, die jeweiligen Filme/Zeuginnen kurz vorzustellen und die Jugendlichen wählen zu lassen, welches sie – je nach persönlichem Interesse – anschauen möchten. Daraus lassen sich Kleingruppen aus zwei bis max. fünf Personen bilden, die sich jeweils mit einem Film auseinandersetzen.

Beim Ansehen der Sequenzen sollen die Teilnehmenden einen Aspekt des Erzählten festhalten, der ihnen relevant/interessant erscheint und etwas über geschlechtsspezifische Fluchtursachen oder -erfahrungen erzählt. Dazu sollen sie das entsprechende wörtliche Zitat festhalten.

 Wichtig: Auf einen klar abgrenzbaren Aspekt fokussieren!

3. Arbeitsphase – Recherche (45-90’)

Im nächsten Schritt soll der jeweilige Aspekt geschlechtsspezifischer Fluchterfahrungen mit Daten unterfüttert werden: Dabei interessieren uns besonders Statistiken und Daten, zum Beispiel:

Wieviele Frauen migrieren oder flüchten mit Kindern?

Wieviele Frauen weltweit/in einem spezifischen Land erleben häusliche Gewalt?

Wieviele Frauen migrieren aus beruflichen Gründen?

ABLAUF:

Einführendes Gespräch: wie mache ich Recherche / wie und wo finde ich Antworten?

Eigenständige Recherchearbeit in Kleingruppen nach den im Leitfaden beschriebenen Kriterien / ggf. anhand vorgegebener Quellen und Ressourcen

4. Grafiken & Datenvisualisierungen erstellen (30-60’)

Auf www.canva.com erstellen die Teilnehmenden aus den recherchierten Daten eine Grafik, die das Ergebnis visuell abbildet.

–> www.canva.com – Button rechts oben: “Design erstellen” – Auswählen: Instagram Post – In der Leiste links wählen: Diagramme

Die Grafik laden sie dann zusammen mit dem Zitat aus dem Video in einem Post auf Instagram hoch. Im Zusammenspiel der verschiedenen Posts entsteht so ein digitales “Geschichtsbuch”, das die unterrepräsentierten weiblichen Perspektiven abbildet.

Der entsprechende Instagram-Account sollte vorab von der Lehrkraft/Pädagog*in eigens für den Workshop erstellt und die Privatsphäre-Einstellungen auf “nicht öffentlich” gestellt werden. Die Zugangsdaten können dann an die Teilnehmenden ausgegeben werden, sodass diese eigenständig posten können.

5. Ergebnispräsentation und Reflexion (45-60’)

Zum Abschluss stellt jede Gruppe ihren Post vor und berichtet,

> warum sie den jeweiligen Aspekt gewählt haben

> was sie bei ihrer Recherche gelernt/erfahren haben

Auswahl an Reflexionsfragen für die Abschlussrunde:

> Erleben Männer und Frauen die gleiche Geschichte?

> Was für Gründe könnte es geben, warum “Frauengeschichte” bis heute so unbekannt ist?

> Wie unterscheiden sich weibliche Flucht- und Migrationserfahrungen von männlichen?

> Was brauchen Frauen und Mädchen, um in Deutschland gut anzukommen?

 

Weiterführende Informationen, Tools und Hilfsmaterial

Tools

Weiterführendes Material / Methoden